Bei den Bikern auf dem Haldi

Haldi, die Sonnenstube über Schattdorf und Bürglen, lockt jährlich tausende Bikerinnen und Biker an. Warum? Ein Besuch am Biketisch im Restaurant Alpenrösli gibt vielleicht Aufschluss ...

von Markus Arnold, Urner Wochenblatt

«Ah, Sie sind auch ein Biker», stellt die Frau fest, als sich die Haldi-Seilbahn langsam in Bewegung setzt. Sie hatte in der engen Kabine eben das Gespräch mitbekommen, das ich mit Balz Aschwanden, unserem Praktikanten beim «Urner Wochenblatt», geführt habe. Ob er denn auch schon mit dem Bike aufs Haldi gefahren sei, wollte ich wissen. «Und auf welcher Strecke fahren Sie jeweils wieder zu Tal?», lautet die Anschlussfrage der Frau. «Auf der Strasse, aber ab Figstuel biege ich meist in den Waldweg ein.» Korrekte Antwort. Die Frau ist zufrieden. Ich scheine zu den «anständigen Bikern» zu gehören, die nicht den engen Wanderweg direkt ab der Haldi-Bergstation für eine rasante Talfahrt missbrauchen.
Nun, bin ich überhaupt ein «echter Mountainbiker»? Eher nicht. Um diesen Titel tragen zu dürfen, müsste ich meinen Drahtesel, der übrigens nicht einmal vollgefedert ist, schon öfters auf die Weide führen. Und – auch wenn das Wetter in Kürze Regen erahnen lässt – die Fahrt mit der Seilbahn aufs Haldi an einem Donnerstagabend ist für einen «echten Biker» tabu! Donnerstag ist Bikertag, dies hat Bärti Planzer vom Restaurant Alpenrösli so definiert. Seit über zehn Jahren versucht er, mit verschiedenen Aktionen Bikerinnen und Biker als Gäste anzusprechen. Und genau in dieses «Alpenrösli» wollen wir nun hin. Wer weiss, vielleicht treffen wir dort «echte Biker». Mittlerweile sind wir auf dem Haldi angekommen. Es regnet.

Bärti Planzers Idee...
Das Haldi ist der Hausberg für die Hobbybikerinnen und -biker der Urner Talgemeinden. Rund 1 Stunde braucht man, um von Schattdorf auf den «Hügel» zu gelangen. Dabei kann man wählen, ob man – etwas komfortabler – die Asphaltstrasse benutzen möchte oder aber den Naturweg durch den Wald. Für die Abfahrt braucht man etwa 10 Minuten. Ideal für eine sportliche Betätigung am Feierabend.
Dass das Haldi beliebtes Ziel von Feierabend- und Hobbysportlern ist, blieb auch Bärti Planzer, der seit 32 Jahren im Restaurant Alpenrösli wirtet, nicht verborgen. Sein Restaurant ist an optimaler Lage: Nach einem anstrengenden Aufstieg mit dem Bike tut eine kühle Erfrischung gut. Die Tatsache, dass vermehrt Bikerinnen und Biker zu seinen Kunden gehörten, veranlasste Bärti Planzer, in diesem Bereich ein gezieltes Marketing aufzuziehen – als Erster im Kanton Uri, wie er selber sagt. «Man muss den Bikern etwas bieten», lautet sein Motto. Mit verschiedenen Aktionen und Attraktionen veranlasst er seine sportlichen Gäste, ihm immer wieder einen Besuch abzustatten. Er selber hat keine «Bike-Vergangenheit». Er ist noch nie selber mit dem Bike aufs Haldi gefahren. «Ich habe kein genügend starkes Velo», witzelt er.
Sein Vorhaben ist ihm gelungen, das Geschäft läuft. Selbst im Winter, wenn die Fahrräder zu Hause in den Garagen stehen, sind rund 70 Prozent seiner Gäste Biker, die jedoch mit der Bahn und zu Fuss anreisen.

Stammbiker...
Nach unserem Fussmarsch treffen wir beim «Alpenrösli» ein. Einige Bikes lehnen an Bierharassen vor dem Restaurant. Wir haben also Glück. Hier gibt es «echte Biker». Im Restaurant ist zurzeit nicht viel los. An einem langen Tisch sitzen eine Hand voll Personen, dank ihrer Kleidung deutlich als Biker erkennbar, und das Wirtepaar Bärti und Märy Planzer. An einem zweiten Tisch essen zwei Personen – ebenfalls Biker – ein Hirschfilet mit Salat.
Wir setzen uns zur Gruppe. Wir seien von der Zeitung und möchten eine Reportage über Haldibiker schreiben, stellen wir uns vor. Hans Planzer, Schattdorf, Kari Müller, Erstfeld, und Fränzi Gisler, Schattdorf, heissen unsere hauptsächlichen Gesprächspartner. Namen, die auch häufig im Bikerbuch des Restaurants anzutreffen sind. Hans Planzer war heuer schon 40 Mal mit dem Bike auf dem Haldi. Noch rund 30 Fahrten werden in dieser Saison dazukommen. Auch Kari Müller war in dieser Saison schon etwa 30 Mal hier oben, bis im Herbst rechnet er mit einer Bilanz von 50 Fahrten. Fränzi Gisler ist in diesem Jahr «erst» knapp 30 Mal aufs Haldi gefahren. Im vergangenen Jahr war sie mit 130 Fahrten Rekordhalterin bei den Damen.

Man trifft seinesgleichen
Wieso diese Treue zum Haldi? Es gibt doch im Kanton Uri, weiss Gott, genügend Möglichkeiten zu biken. Kari Müller betont die «gäbige» Distanz für eine «Feierabend-Tour». Die Strecke von Erstfeld nach Schattdorf sei angenehm zum «Einrollen». Danach habe er keine Mühe, beim Aufstieg einen schönen, gleichmässigen Tritt zu finden. «Wenn ich beispielsweise aufs Arni möchte, ist nur schon die Anfahrt bis Gurtnellen beträchtlich.»
Hans Planzer betont die Tatsache, dass die Biker auf dem Haldi einen eigentlichen Treffpunkt haben. «Man trifft hier immer jemanden, den man kennt.» Auch sei es herrlich, an einem warmen Sommerabend auf der «Alpenrösli»-Terrasse zu sitzen, bevor man wieder hinunterfahre. Es soll auch schon vorgekommen sein, dass man «verhöckelte». In solchen Fällen chauffierte Bärti Planzer seine Gäste mit dem Geländewagen nach Schattdorf. Es soll ja nichts passieren. «Auch für Hausfrauen ist die Strecke ideal», meint Fränzi Gisler. «Am Morgen biken recht viele Hausfrauen aufs Haldi. Auch ich. Wenn man dann wieder zu Hause ist, bleibt genügend Zeit, das Mittagessen zu kochen.» Ausserdem schätze sie die familiäre Atmosphäre im Restaurant. «Äs riisä Komplemänt a d Märy und a Bärti», das solle ich doch auch schreiben. Mach ich.

Nehmen und geben...
Bärti Planzer kümmert sich um seine Gäste. Die Konkurrenz schläft nicht. Auch andere Restaurants haben das Potenzial des Biketourismus erkannt und werben mit speziellen Angeboten um deren Gunst. Bärti Planzer verlost an jedem Donnerstag einen Konsumationsgutschein seines Restaurants oder einen selber hergestellten Tischgrill unter allen am Donnerstag eingeschriebenen Bikern, ebenfalls erhält jeder 1000. Biker einen Gutschein. Sämtliche jugendlichen Biker unter 15 Jahren erhalten das erste Getränk im Restaurant gratis, am Donnerstagabend gibt Bärti Planzer das Hirschfilet-Menü allen Gästen verbilligt ab, wer am Sonntag vor 11.00 Uhr auftaucht, erhält gratis eine warme Suppe, am Dienstag – an diesem Tag ist das Restaurant geschlossen – können sich die Bikerinnen und Biker vor dem Restaurant gratis mit den bereitstehenden Getränken eindecken und sich ins Bikerbuch eintragen. Die Rekordhalter bei den Damen und Herren – diejenigen, die sich am häufigsten im Bikerbuch eingetragen haben – werden mit der ganzen Familie zu einem Nachtessen eingeladen. «Man darf nicht nur nehmen, man muss auch geben. Sonst verliert man seine Gäste», sagt Bärti Planzer.

250 Personen an der Bikerkilbi...
Der grösste Bikeranlass auf dem Haldi ist am Saisonabschluss – die Bikerkilbi. Diese findet jeweils am ersten Samstag im November – falls er kein Feiertag ist – statt: heuer also am 6. November. Zu dieser Kilbi sind alle eingeladen, die sich während der Saison mindestens einmal ins Bikerbuch eingetragen haben. Es gibt für alle kostenlos ein Nachtessen und Livemusik. Zusätzlich werden Preise im Gesamtwert von 4 000 Franken verlost. Die Preise werden von Sponsoren gestiftet, die für je 100 Franken Beitrag während der Kilbi 1 Minute Werbezeit zur Verfügung haben.
Die Bikerkilbi gibt es seit zirka zehn Jahren. Zu Anfangszeiten wurde sie am Silvesternachmittag im Restaurant durchgeführt. Damals waren es zirka 25 Personen, doch diese brachte Bärti Planzer dann fast nicht aus dem Restaurant, als gegen 20.00 Uhr die «Essensgäste» ankamen. Die Kilbi wurde deshalb in den November vorverlegt. Auch die Räumlichkeiten im Restaurant reichten mit der Zeit nicht mehr aus, und so zügelte man in die Mehrzweckhalle auf dem Haldi. In diesem Jahr werden gegen 250 Personen erwartet. Ein gewaltiger Anlass.
Ein OK ist für die Organisation der Kilbi zuständig. Unter der Leitung von Werner Bachmann und Markus Gisler wird die Bikerkilbi mit 20 Gehilfen – alle arbeiten gratis – organisiert und durchgeführt. Für die Verpflegung sind Märy und Bärti Planzer zuständig. Ebenso sind sie Hauptsponsor der Kilbi und übernehmen das Defizit. Die Bikerfrauen backen eigens Kuchen für diesen Anlass, die verkauft werden, um die Unkosten tiefer zu halten. «Die ausserordentliche Kameradschaft der Bikerfamilie zeigt sich hier von der besten Seite», so Bärti Planzer.

Konflikt Biker – Wanderer 
Mittlerweile haben es zwei weitere Biker aufs Haldi geschafft und setzen sich an unseren Tisch. «Das ist derjenige, der heuer einen neuen Rekord aufstellen wird», wird uns erklärt, wobei man auf den Schattdorfer Urs Arnold zeigt. Dies sei sein 130. Eintrag ins Bikerbuch in dieser Saison, gibt er auf die entsprechende Frage zur Auskunft. Und am Tisch mutmasst man, dass er es bis zum Herbst wohl auf 200 Haldifahrten bringen wird. «Mal sehen», gibt sich Urs Arnold zurückhaltend.
Die Dame in der Seilbahn hatte mich gefragt, welche Route ich jeweils für die Talfahrt wähle. Dieselbe Frage stelle ich natürlich in die Runde, anspielend auf das Verhältnis Biker – Wanderer. Für sie sei das Hinunterfahren nicht das A und O beim Biken. «Wir sind solche, die in erster Linie Plausch an der Bergfahrt haben. Für uns besteht der Genuss der Talfahrt nicht darin, dass wir halbmetrige Absätze hinunterhüpfen, sondern im gemütlichen Hinunterfahren: auf Asphalt oder auf einer breiten Naturstrasse», erklärt Kari Müller. «Obwohl wir aber auch heute noch gerne mal auf einem Weglein fahren», fügt Hans Planzer an, «doch dann ist klar, hat der Wanderer Vortritt.»
Die am Tisch sitzenden Haldibiker sind sich einig: Biker und Wanderer haben nebeneinander Platz, wenn man sich normal verhält. Bikerinnen und Biker dürfen nicht mit einem Affenzahn um die Ecken kommen. Und wenn es einmal zu einem Engpass komme, müssten die Bikenden halt auch mal kurz absteigen. Aber es gebe halt auch Wanderinnen und Wanderer, die, auch wenn ein Weg noch so breit sei, provokativ die ganze Breite für sich beanspruchen.  Jedoch heute sei der Konflikt nicht mehr so ausgeprägt wie noch vor Jahren. Überhaupt sei es fast ein Uri-spezifisches Phänomen. «Ich gehe auch oft ins Tessin, ins Wallis oder gar ins Ausland biken. Dort habe ich noch nie negative Erfahrungen mit Wanderern gehabt», so Hans Planzer. Auch sei er häufig als Jogger im Wald unterwegs. «Wenn mir ein oder zwei Biker begegnen, ist das viel.»

Die Downhill-Fahrer
Es gibt bei Bikern den Leitsatz: «Fahre nur dort hinunter, wo du auch hinauffahren kannst.» Doch es gibt eine Bikedisziplin, wo dies nicht zutrifft: Abfahrt respektive Downhill. Diese Sportart betreiben vor allem jüngere Leute. «Die fahren an Stellen hinunter, wo man sogar zu Fuss seine Mühe hätte», sagt Hans Planzer. Je steiler und schwieriger, desto besser. Dass hier Konflikte mit Wanderinnen und Wanderern entstehen können, ist verständlich. Doch diese Fahrer machen lediglich einen Bruchteil aller Biker aus. «Aber wo sollen die Downhiller im Kanton Uri fahren? Für sie gibt es ja keine Extrastrecken», lautet ein Einwand am Tisch. «Und wenn man von diesen Sportlerinnen und Sportlern für den Transport Geld entgegennimmt, sollte man ihnen auch etwas bieten.»

Tourismusregion Haldi
Das Haldi ist ein ideales Naherholungsgebiet für die Bevölkerung der Urner Talgemeinden. Doch
noch schöpft der Hausberg sein touristisches Potenzial keineswegs aus, ist man sich einig. Landschaftlich ist das Haldi, wie so viele Orte im Kanton Uri, herrlich gelegen. Und die sportlichen Möglichkeiten sind immens. Für Bikerinnen und Biker ist nicht nur der Aufstieg von Schattdorf aufs Haldi interessant. Auch auf dem Haldi selbst sind weitere Bikemöglichkeiten vorhanden. Hans Planzer beispielsweise legt bei der Fahrt aufs Haldi meist zusätzlich eine Schlaufe ein: Bei der Mehrzweckhalle zweigt er ab, fährt auf dem Rundweg via Skihütte und Billentrog durch den Billenwald zurück zum Restaurant. Fränzi Gisler ist auch schon mit dem Bike bis nach Oberfeld gefahren, um anschliessend eine Bergtour auf den Bälmeten zu unternehmen.
Die Sonnenterrasse Haldi ist also auch Ausgangspunkt für viele Wanderungen und Bergtouren. Im Winter kann man Ski fahren und schlitteln, und seit etwa zwei Jahren existieren zwei abwechslungsreiche, markierte Schneeschuh-Routen. In Billentrog wurde zudem ein «Ort der Kraft» errichtet, der gemäss Bärti Planzer bereits recht gut besucht werde.
Damit das Haldi zusätzlich an Attraktivität gewinnt und die Vorhaben effizient verwirklicht werden können, wurde vor knapp einem Jahr die Interessengemeinschaft Haldi-Freunde gegründet. Für die Haldi-Freunde gebe es noch viel zu tun, ist Bärti Planzer überzeugt, und noch klappe nicht alles so, wie er sich das vorstelle.

Ab in die Ferien!
Jetzt ist Hochsaison für Bikerinnen und Biker – es gibt viel zu tun im «Alpenrösli». Doch Mitte November, nach der Bikerkilbi, werden Bärti und Märy Planzer für zwei, drei Wochen das Restaurant schliessen und wegfahren. Auch Mitte März und anfangs Sommerferien sei jeweils nicht viel
los. Ebenfalls ideale Zeitpunkte für Urlaube. Wohin geht die Reise im Herbst? «Im März und November kommen fast nur die Kanaren oder Ägypten in Frage», gibt Bärti Planzer zur Auskunft. «Und in diesem Sommer haben wir auch erstmals Wellnessferien gemacht, in Ungarn. Das hat uns sehr gut gefallen.» Bärti Planzer war übrigens auch schon auf der Radfahrerinsel Mallorca. Geschäftlich. «Ich wollte sehen, wie man dort mit den Radfahrerinnen und Radfahrern umgeht.»
Es ist fast 19.30 Uhr. Der Regen hat sich zurückgezogen, die Sicht wird wieder klarer, und über den Bergen formieren sich bizarre Wolkengebilde. Eine fantastische Stimmung. Idealer Zeitpunkt für einen Aufbruch. Wir verabschieden uns, und auch die Bikerinnen und Biker machen sich auf zur – gemütlichen – Talfahrt.    

Bikestatistiken
Dank dem Bikerbuch im «Alpenrösli» lässt sich das Biken auf dem Haldi statistisch ungefähr verfolgen. Es sind eindrückliche Zahlen, die zum Vorschein kommen. Im Rekordjahr wurden 4 968 Einträge verzeichnet, wobei die Zahlen von Jahr zu Jahr nicht stark schwanken. Der Grossteil der Einträge stammt von Bikern, die mehrmals pro Woche aufs Haldi radeln. Den absoluten Rekord hält Ruedi Bühlmann, Schattdorf, mit 167 Einträgen. Doch Urs Arnold, Schattdorf, ist in dieser Saison gut im Rennen, um den Rekord zu brechen. Pro Jahr werden vier Bikebücher gefüllt, das fünfte noch angefangen.

Text und Fotos: Markus Arnold, Pfyyl, Urner Wochenblatt

Gruppenbild vor der Talfahrt: Hanspeter Huber, Kurt Jauch, Kari Müller, Urs Arnold, Hans Planzer, Fränzi Gisler und Sepp Gisler (von links).


Bärti und Märy Planzer.